Kirchen in der Dritten Welt: Kinder werden erwachsen


Kirchen in der Dritten Welt: Kinder werden erwachsen
Kirchen in der Dritten Welt: Kinder werden erwachsen
 
Einst sprach man von »Missionskirchen«. Sie waren aus der Missionsarbeit europäischer und nordamerikanischer Kirchen in den von den Kolonialmächten eroberten Gebieten entstanden. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Verknüpfung von. Christentum und westlicher Zivilisation in den Kolonien zu bröckeln begann, nannte man sie »Junge Kirchen«. Inzwischen sind diese Kirchen erwachsen und eigenständig geworden. Heute ist die Rede von »Kirchen in der Dritten Welt«, der heute etwa ein Viertel der 1,2 Milliarden. Christen angehören. Diese Bezeichnung will die europäische Betrachtungsweise überwinden; zugleich weist sie auf Ort und Umfeld, Selbstständigkeit und Schwierigkeiten dieser Kirchen hin.
 
Die Gesichter der Dritte-Welt-Kirchen sind recht unterschiedlich. Die meisten lassen noch die missionarische Herkunft erkennen. So spiegeln ihre Züge das denominationelle und konfessionelle Erbe sowie die kirchliche Vielfalt in Nordamerika und Europa. Damit gehen Abgrenzungen, Spannungen und Konkurrenz einher. Doch zeigen die Dritte-Welt-Kirchen durchaus Offenheit. Ihnen gelingt es schneller, auf Menschen anderer Konfessionen zuzugehen, mit Andersgläubigen zusammenzuarbeiten und manchmal auch größere, umfassende Gemeinschaften zu bilden. Untereinander Kontakte zu pflegen und zu stärken, ist allen wichtig. Die geistliche Beziehung zu den »Mutterkirchen« soll erhalten bleiben, doch die ökonomische Bindung lockerer werden.
 
Das Profil der »Unabhängigen Kirchen« ist mehr von Bodenständigkeit, von einheimischen Stammesreligionen und -kulturen geprägt. Sie wollen »Kirchen des Volkes« sein. Bei dem schnellen Wachstum der »Unabhängigen« spielen neben der religiösen Motivation sozioökonomische und politische Faktoren eine Rolle. Die Suche nach einer »afrikanischen Identität« und der Kampf gegen Rassendiskriminierung und Unterdrückung der Schwarzen machen die »Unabhängigen Kirchen« zu einer religiös-politischen Befreiungsbewegung. In der Situation des gesellschaftlichen Umbruchs bilden sie die »Kirche der Armen«. Zu ihr gehören fast 20 Prozent der rund 200 Millionen afrikanischer Christen. Befreiung aus dem alltäglichen Elend und afrikanische Mentalität finden auch in der geistlichen Erlebnisgemeinschaften den vielen Pfingstkirchen einen Platz. Die Grenze zu den »Unabhängigen« ist fließend. Für die sehr kleinen Kirchen im asiatischen Raum gehört es zur vordringlichen Aufgabe, im Umfeld des vorherrschenden Buddhismus und Hinduismus und einer durch Ausbeutung und Armut gekennzeichneten Gesellschaft eine asiatische christliche Identität zu entwickeln.
 
Dritte-Welt-Kirchen sind in nahezu allen Ländern Gemeinschaften einer Minderheit. Doch die Zahl der Christen wächst ständig, vor allem in Afrika. Sie werden dort respektiert; ein geregeltes Verhältnis zwischen Staat und Kirche wie in europäischen Ländern besteht aber nicht. In Afrika gehören den herkömmlichen Kirchen zusammen mit den »Unabhängigen« etwa 48 Prozent der Bevölkerung an, in Asien unter 10 Prozent, teilweise nur knapp 3 Prozent wie in Ost- und Südasien. Wo die von Missionsgesellschaften und Kirchen eingerichteten Bildungsstätten eine breite Wirkung entfalten konnten, stammen die Kirchenmitglieder meist aus der mittleren sozialen Schicht; anderenorts kommen sie mehr aus den Randschichten der Gesellschaft. Orte bedrückender Armut sind Orte von Massenbekehrungen.
 
In Lateinamerika dominiert seit der europäischen Expansion im 15. und 16. Jahrhundert die römisch-katholische Kirche; 1990 zählten über 90 Prozent der Bevölkerung zu ihr. Die einst unterdrückte indianische Religiosität lebt heute in Formen der Volksfrömmigkeit der verarmten Massen. Im etablierten Kirchentum sorgen unzählige Basisgemeinden für Unruhe und Belebung. Sie greifen zur Selbsthilfe, halten priesterlose Gottesdienste und kümmern sich um konkrete alltägliche Belange. Im Kampf gegen Hunger und Unterdrückung profilieren sie sich auch politisch. Vom 19. Jahrhundert an kamen durch Einwanderer und gezielte Mission die protestantischen Denominationen aller Couleur, eine Vielzahl von Sekten und religiöse »Multis« hinzu. Geradezu stürmisch breiten sich die Pfingstkirchen aus. Ihre Spiritualität ist der religiöse Protest gegen die politischen und sozialen Verhältnisse. Der Pfingstglaube, der Glaube an die spürbare Gegenwart des Heiligen Geistes, vermittelt die Vision einer Umkehrung der täglich erfahrenen Welt. In den gesellschaftlich entwurzelten und bindungslos gewordenen Volksschichten weckt er Fantasie und Hoffnung. Die Pfingstkirchen sind auf dem Weg zu einer »Massenreligion«. Weltweit hat die Pfingstbewegung bereits etwa 350 Millionen Menschen ergriffen.
 
Das Selbstbewusstsein der Kirchen in der Dritten Welt wächst. Sie entwickeln eigenes Profil. Dabei verarbeiten sie das Kulturgut ihrer Region. Im Gottesdienst wird die ererbte abendländische Liturgie durch Elemente einheimischer Kultformen bereichert. Musizieren und Feiern, Singen und Tanzen in der gottesdienstlichen Versammlung entsprechen der eingewurzelten Spiritualität; Gebetsstunden, Meditation und Kontemplation erfüllen das Verlangen nach Gottesnähe und Heilung; Dichtung, Erzählung und darstellende Kunst vermitteln religiöse Erfahrungen. In rund geformten Kirchenbauten bekommt das gemeinschaftsbezogene Lebensverständnis seine architektonische Gestalt. Auf den Straßen des Elends und der Unfreiheit begegnet der gepeinigte Jesus. Sein Ruf in die erlösende Nachfolge ist wegweisend für die Lebenspraxis. Die sozialen und politischen Zustände nötigen zu solidarischem Handeln und zum Einsatz für menschenwürdige Verhältnisse. Für eine »Kirche der Armen« und in der Armut ist die konkrete Um- und Neugestaltung der Lebensumstände wichtiger als das Einstudieren von abstrakt anmutenden theologischen Lehrsystemen. So bestimmen die lokalen kulturellen Traditionen und die Erfahrungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit die Existenz der Dritte-Welt-Kirchen.
 
Lange Zeit war die Mission der abendländischen Kirchen eine Einbahnstraße. Heute fordern die inzwischen »erwachsenen« Kirchen in anderen Kontinenten nicht bloß Anerkennung und freundliche Behandlung; sie wollen mitreden, fordern mehr Autonomie, wollen offener werden für andere Glaubensweisen. Selbst in der römisch-katholischen Weltkirche gewinnen die peripheren Teilkirchen an Gewicht gegenüber den zentralen vatikanischen Instanzen. Der Schwerpunkt der Weltchristenheit verlagert sich so von den Industriestaaten der nördlichen Hemisphäre zu den Völkern der Dritten Welt.
 
Prof. Dr. Dr. Erwin Fahlbusch
 
 
Geschichte des Christentums, Band 3: Krumwiede, Hans-Walter: Neuzeit. 17.—20. Jahrhundert.Stuttgart u. a. 21987.
 
Theologiegeschichte der Dritten Welt, herausgegeben von Theo Sundermeier und Norbert Klaes. 4 Teile. München 1991—93.

Universal-Lexikon. 2012.

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